Wie verkopft muss Essen sein?

Wie verkopft

muss Essen sein?

Glücklicherweise, das muss man vorweg betonen, leben wir heute in einer Welt, in der Lebensmittel nicht mehr Mangel, sondern im Überfluss vorhanden sind. Nie gab es eine derart große Auswahl bei Obst-, Gemüse- oder Getreidesorten. Immer exotischer wird das Warenangebot – der Globalisierung sei Dank. Da geht es uns doch richtig gut, oder?

Eigentlich müssten wir ziemlich entspannt das Leben genießen, bei all der Auswahl, bei all dem Luxus. Ist aber nicht so. Viele von uns sind verunsichert. Da ist die unglaubliche Vielfalt an Genussmitteln auf der einen Seite. Und auf der anderen die Flut an (sich widersprechenden) Ernährungstipps, die unser schlechtes Gewissen befeuert. Unaufhörlich werden wir mit guten Ratschlägen versorgt, welches Superfood gerade en vogue oder welcher Ernährungstrend gerade richtig ist.

Wie sollen wir mit all dem Wissen umgehen? Wie sieht eine ausgewogene Ernährung eigentlich aus? Und ist es nicht immer eine ganz persönliche Angelegenheit, wem welches Essen guttut? Wir haben zwei Autoren zu ihrer Meinung befragt.

Philipp Kohlhöfer

Philipp Kohlhöfer

Seine bodenständige Einstellung zum Essen erwarb der gebürtige Hesse auf dem Bauernhof seiner Großeltern. Ein Grund, warum der Hype um vermeintliche Superfoods und Diäten ihn richtig in Rage bringen kann. Seiner Tochter möchte er unbedingt Entspanntheit im Umgang mit Essen mit auf den Weg geben. Hier geht's zu seiner Webseite.

Haut rein!

Vergesst doch einfach mal alle Ernährungsregeln. Und hört auf euren Appetit! Denn das, was uns schmeckt, ist auch gut für uns, findet Autor Philipp Kohlhöfer.
Die revolutionäre Idee soll hier gleich zu Anfang erwähnt werden. Bereit? Achtung ... Wie wäre das: Essen, um zu genießen. Einfach mal essen, weil es schmeckt. Doch. Im Ernst, das ist kein Scherz. Essen, weil man Lust hat. Auf ein Steak mit Bratkartoffeln. Auf Nudeln mit Sahnesoße. Auf ein Leberwurstbrot mit Gürkchen. Klingt verrückt?
Kommt auf die Perspektive an. Ist es nicht eher verrückt, dass Essen heute eine Wellnesserfahrung geworden ist? Wir entschlacken und detoxen, bekämpfen Übersäuerung und Unterversorgung. Wir essen uns schön, schlau und unsterblich. Ernährung hat heute mehr mit Wellness, Sport und Vernunft zu tun als mit Genuss. Wir optimieren uns selbst – und bringen uns dabei um jeden aufregenden Geschmack, indem wir uns vegan, fettreduziert oder ohne Not glutenfrei ernähren. Ich mache da nicht mit: Beim Essen höre ich auf meinen Bauch, nicht auf meinen Kopf.

Der menschliche Körper hat in Jahrtausenden eine Regulierung perfektioniert, die jeder App überlegen ist: Sie nennt sich Hunger beziehungsweise Durst. Dazu kommen Appetit und Bekömmlichkeit, Aversionen und Vorlieben. Das sollte uns reichen.
Tut es aber nicht. Denn heute verhalten sich bewusste Esser wie die Jogger, die in viel zu engen Hosen an roten Ampeln auf der Stelle hüpfen und danach zu Hause schnell den Entsafter anwerfen, um einen grünen Smoothie mit Antioxidantien zu sich zu nehmen. Ist das nicht anstrengend? Wer Quinoa nicht mag, sollte es auch nicht essen, Superfood hin oder her.
Apropos Superfood: Im zerbombten Nachkriegswinter 1946/47 gab es Steckrübensuppe, Steckrübenbrot und Steckrübenschnitzel, dazu Wasser. Für den modernen Esser wäre diese Ernährung ein Traum: kohlenhydratarm, vegan, dazu noch mit dem Etikett Urban Gardening versehen, weil inmitten der zerstörten Innenstadt angebaut.

„Ich mache da nicht mit: Beim Essen höre ich auf meinen Bauch, nicht auf meinen Kopf."

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Dies ist kein Plädoyer für ungesundes Essen. Vielmehr sollten wir die Perspektive geraderücken. Brot ist beispielsweise das genaue Gegenteil von Low Carb. Aber eine dicke Scheibe frisches Brot mit Butter schmeckt trotzdem gut. Warum ist der Genuss von Kohlenhydraten gesellschaftlich mittlerweile beinahe so angesehen, wie im Kinderzimmer mit geschlossenen Fenstern eine Zigarette zu rauchen?
Brot, das vielleicht zur Erinnerung, ist der Ursprung der Menschwerdung: Erst als wir Getreide anbauten, fingen wir an, uns zu modernen Menschen weiterzuentwickeln. Städtegründung, Arbeitsteilung, das volle Programm. Das Produkt hat Jahrtausende lang funktioniert und war die Stütze ganzer Gesellschaften. Noch heute gibt es in Teilen der Welt Aufstände, wenn das Brot teurer wird. Sollten wir denen nicht sagen, dass sie sich freuen sollen? Sollen sie doch einfach mehr Avocados essen. Dass wir uns ständig obsessiv mit Essen beschäftigen, zeigt: Wir haben ansonsten keine Probleme mehr.

Unsere Vorfahren waren froh, keine Paleo-Diät mehr machen zu müssen. Es war mit Sicherheit verdammt mühselig, ein Mammut zu jagen oder auch nur einen Ziegenbock. Und wir? Würden am liebsten losziehen und Beeren sammeln, denn das macht ja angeblich schön. Viel besser wäre es, wenn wir uns endlich mal entspannen würden. Wir sollten auf unseren Bauch hören, nicht auf unser Gewissen.
Und wenn wir damit beginnen, unserem Appetit zu vertrauen, müssen wir nicht zwangsläufig zunehmen. Tatsächlich gibt es genau eine Regel, um nicht dick zu werden: weniger essen, als man verbrennt. Zu welcher Tageszeit wir Nahrung aufnehmen, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Der wichtigste Schritt: weniger Wert auf Gesundheit und mehr Wert auf Genuss legen. Dann wer genießt, isst automatisch besser, weil er sich auf normalem Wege mit Lebensmitteln beschäftigt. Die Frage ist dann nämlich nicht: Passen die Lebensmittel gut in den Mixer? Sondern: Schmecken sie gut?

Susanne Kaloff

Auf Kaffee und Zucker reagiert die Hamburger Kolumnistin nach eigenen Angaben wie andere Menschen auf Koks. Ihre Antwort auf ihre unzähligen Leser der letzten Jahrzehnte ist Yoga, Green-Smoothie-Detox und gemeinsame Griechenlandurlaube mit ihrem Sohn.

Zucht und Ordnung

Ernährungsregeln sind heutzutage unerlässlich.
Denn wenn sie zur Gewohnheit werden, müssen wir uns viel weniger Gedanken machen und können uns entspannt auf andere Dinge konzentrieren, findet Autorin Susanne Kaloff.
Einen Esslöffel kaltgepresstes Kokosöl im Mund für zwanzig Minuten hin und hergeschwenkt und wieder ausgespuckt, heißes Wasser mit dem Saft einer ausgepressten Bio-Zitrone getrunken, einen Matcha Latte (mit Hafermilch) heruntergekippt, ausgeatmet und schon um sieben Uhr morgens gefühlt: Das wird ein Mordstag! Auch wenn ich Regeln in den meisten Lebensbereichen (Romméspiel, Straßenverkehr, Mode) ablehne, liebe ich beim Essen Zucht und Ordnung.
Das klingt jetzt vielleicht etwas schräg, aber ich mag eine feste Hand bei der Ernährung. Nicht eine, die mir etwas verbietet oder mich ermahnt, sondern eine, die mich liebevoll durch die Tage führt und weiß, dass mich eine Milchsuppe oder ein Latte macchiato am Nachmittag weder frei, hellwach noch sinnlich, sondern nur eins macht: aggressiv.
Also trinke ich lieber ein feines Tässchen Gyokuro-Tee und esse auch lieber Porridge als Mettbrötchen zum Frühstück.

Und nein, ich schütte nicht dreizehn Löffel Zucker in meinen Tee. Vor langer Zeit verdrehte ein Mann mal die Augen und bemerkte genervt, während er ein Marmeladenbrot aß: „Hä, aber Zucker ist doch kein Gift!“ Das war in den Neunzigern, als wir auch noch alle pafften, als käme es morgen aus der Mode. Das kam es ja irgendwann tatsächlich, ähnlich wie Weizenmehl.
Heute erzählt einem an jeder Ecke jemand, er sei gerade auf Zuckerentzug. Gut möglich, dass ich es bin. Zucker ist Gift – für mich jedenfalls. Das merke ich immer dann wieder, wenn ich mir weismache, es würde mir guttun, eine Tüte Joghurt-Gums in drei Minuten zu verspeisen.
Ich habe so eine kleine Bibel, die heißt: The New Health Rules und ist von einem New Yorker Doktor, der aussieht wie ein Optiker, aber echt gute Tipps auf Lager hat. Also nicht speziell für die Augen, sondern für Körper, Geist und Seele. Da ist zum Beispiel die Sache mit den Eiern (auf keinen Fall das Eigelb weglassen!) und dem Wasser (kleine Richtlinie: ein großes Glas pro Stunde trinken). Das sind Dinge, die ich schnell umsetzen kann und die für mich Sinn ergeben.

„Früher haben wir doch auch alles gegessen und sind nicht daran gestorben.“

Das Tolle an Regeln ist doch, dass man sich nicht mehr so viele Gedanken machen muss, weil es eine Ordnung gibt. Die Dinge regeln sich buchstäblich von allein, werden automatisch zur zweiten Gewohnheit. Wie eben das Zitronenwasser first thing in the morning, das Bauch und Birne in Gang bringt.
Mir ist es egal, ob Menschen rauchen, trinken, sich glutenfrei ernähren oder sich ein, pfui Teufel, Eiweißomelett in die Pfanne hauen. Jeder soll unbedingt seinen eigenen Regeln folgen, die sich für ihn am besten anfühlen. Mich interessiert weder der Paleo-Trend noch folge ich einer veganen Diät oder fürchte Weißmehl. Die einzige Maxime, an die ich mich halte, ist meine eigene Erfahrung. Regeln leiten sich doch im besten Fall aus Erlebnissen ab, nicht aus Ratgebern, die einem erklären, dass Fleisch böse und Feigen gut sind.
Interessant bei all den Ernährungsdebatten ist, dass stets der einfältige Satz fällt: „Früher haben wir doch auch alles gegessen und sind nicht daran gestorben.“

Ja, und früher haben wir auch unangeschnallt auf der Rückbank des Ford Taunus geratzt und sind mit einer Capri-Sonne in der Hand bis Dänemark gegurkt, während unsere Väter vorn Pfeife rauchten. Das sind wehmütige Super-8-Bilder im Kopf, die uns süße Geschichten erzählen und uns vorgaukeln, dass früher alles besser war.
Ach ja, die Erinnerung malt mit goldenem Pinsel. Dass alles unkomplizierter und weniger streng war, dass sich unsere Eltern keinen Kopf gemacht haben, ob das Obst gespritzt war oder die Bratwürstchen auf dem Grill ein Biosiegel hatten. Stimmt, das haben sie nicht. Aber das Jetzt und Hier ist mein Leben, für das ich alleine die Verantwortung trage. Ich bin mein bester Experte, ich weiß, was für mich richtig und was falsch ist, was Gift, was wichtig und was wurscht ist. Und auch, wann es Zeit ist, Regeln über Bord zu werfen und sich neue zu suchen.