Lange galt Omas Küche als altbacken. Zu deftig, zu schwer, zu wenig Instagram. Doch etwas hat sich gedreht. Omas Rezepte sind zurück, und zwar mit einer Wucht, die selbst Trendforscher überrascht. Die deftige Hausmannskost füllt Restaurants, geht auf TikTok viral und versöhnt eine Generation, die zwischen Meal-Prep und Superfood-Pulver eines vergessen hat: dass Essen mehr sein kann als Nährstoffversorgung. Nämlich Erinnerung. Und Nähe. Rezepte aus Omas Zeiten, von Generation zu Generation weitergegeben.
Omas Rezepte: traditionelle Hausmannskost
Warum ganz Deutschland wieder ihre Rezepte kocht
Es beginnt fast immer mit einem Geruch. Zwiebeln, die in Butter glasig werden. Ein Schmorgericht, das Stunden im Ofen steht, während die Fenster beschlagen. Der leicht säuerliche Duft von Rotkohl, der neben dem Sonntagsbraten vor sich hin köchelt. Wer die Augen schließt, ist sofort wieder acht Jahre alt, sitzt mit baumelnden Beinen auf einem zu hohen Küchenstuhl und wartet darauf, dass die große Schüssel endlich auf den Tisch kommt. Für viele von uns riecht so die Kindheit. Und sie hat einen Namen: Oma.
Köln-Bayenthal: Ein Gasthaus, in dem fremde Menschen wieder miteinander reden
An der Alteburger Straße 299, im gründerzeitlichen Haus, das jahrzehntelang „Gasthaus zur Eule" hieß, steht heute etwas anderes über der Tür: „Gasthaus zur Oma". Jeden Abend kocht hier eine andere ältere Dame nur ein einziges Gericht, ihr Lieblingsrezept. Kein Menü, keine Auswahl, kein Stress. Wer kommen will, muss vorab buchen und bezahlen, sitzt zu festen Einlasszeiten mit wildfremden Menschen an einem großen Tisch, und um 21.30 Uhr ist Schluss. Weil die Oma dann lange genug am Herd stand.
Am Premierenabend gab es goldbraun paniertes, knuspriges Fischfilet mit buntem Kartoffelsalat, aufgetragen in großen Porzellanschüsseln. Monika Schorr, 81, darf sich tatsächlich Oma nennen. Ihre Königsberger Klopse hat sie schon für ihre Enkelin gekocht, als die noch ein Kleinkind war. „Die Kapernsoße ist das A und O", sagt sie. Seit ihr Mann gestorben ist, für den sie ein Leben lang gekocht hat, kommt sie hier auf andere Gedanken. Neben ihr steht Lida Weag, 63, gebürtige Tschechin, deren Familienrezept für Kartoffelsalat sie von Generation zu Generation weitergibt: „Wir leben in einer so fürchterlichen Zeit. Alte Traditionen aufleben zu lassen, ist für mich ganz wichtig." Für sie ist es eine Herzensangelegenheit.
Erdacht hat das Ganze Axel Brinkmann, 63. Den Anstoß gab ein Teller Bohneneintopf bei einem Freund, nach dem er sich fragte, warum eigentlich niemand solche Gerichte anbietet. Was er damit erreichen will, läuft bewusst gegen den Strom der Zeit: Er möchte Menschen dazu bringen, das Handy liegen zu lassen und wieder miteinander zu sprechen, gerade mit den Fremden am selben Tisch.
Man hört man es immer wieder heraus: So kocht zu Hause kaum noch jemand, und genau das ist es, was den Abend so besonders macht.
Hamburg: Wenn Deutschlands älteste Köchin Hühnerfrikassee serviert
Rund 400 Kilometer nördlich, in Hamburg, gibt es dieselbe Sehnsucht, nur mit norddeutschem Akzent. Im Café Lorenz in Eimsbüttel und an wechselnden Orten der Stadt lädt der „OmaLiebe Lunch Club" zum Mittagstisch. Entstanden ist er, weil Foodtalker-Podcaster Boris Rogosch verschollene Familienrezepte aufspüren wollte und schnell merkte, dass echte Hausmannskost ohne Gemeinschaft nur die halbe Wahrheit ist. Mit an Bord holte er Simone Lücking, die das Café Lorenz führt, und dazu eine Hamburger Institution am Herd, deren Namen in der Stadt niemand erklären muss. Zu dritt riefen sie den Mittagstisch ins Leben.
Diese Frau ist Monika Fuchs, 88. Ihr erster Beruf war das Schneidern, ihre Bestimmung wurde die Küche. Als älteste YouTube-Köchin des Landes ist sie längst ein Star, doch schon davor kochte sie über viele Jahre im Umfeld von Reinhold Beckmanns Talkshow und tischte dort für Gäste vom Kaliber eines Elton John oder einer Angela Merkel auf. Seit 2015 lädt sie fremde Menschen zum Charity-Dinner in ihre eigene Wohnung in Harvestehude: 28 Gäste, fünf Gänge, der Erlös geht an krebskranke Kinder. Beim OmaLiebe Lunch Club brachte sie die Gäste mit ihrem legendären, cremigen Hühnerfrikassee zum Schwärmen. Ihr Lebensmotto klingt, als hätte es eine Werbeagentur erfunden, ist aber echt: „In dieser Zitrone ist noch viel Saft."
Auch hier wird geteilt statt portioniert. Das deftige Wohlfühlessen kommt in großen Terrinen auf den Tisch, wer noch Hunger hat, bekommt Nachschlag, ganz wie früher. Hühnerfrikassee, Königsberger Klopse, Senfeier, dazu eine kräftige Suppe oder ein Eintopf. „Selbst wenn jemand allein kommt: Die Leute finden sich und essen zusammen", sagt Fuchs, die während des Essens von Tisch zu Tisch geht und fragt, ob es noch etwas sein darf. Inzwischen ist aus dem Pop-up der gemeinnützige OmaLiebe e.V. geworden, der auch bedürftige Senioren mit warmen Mahlzeiten versorgt. Aus einem Gefühl ist eine Bewegung geworden.
Die Idee ist nicht neu: Sie kommt aus New York
Wer glaubt, das sei eine deutsche Marotte, irrt. Das Urkonzept steht auf Staten Island. Dort betreibt Jody Scaravella seit 2007 die „Enoteca Maria", benannt nach seiner verstorbenen Mutter. Zunächst standen italienische Nonnas am Herd, später Großmütter aus aller Welt, aus Trinidad, Belarus, Syrien, Bangladesch, Mexiko. Halb italienisch, halb wechselnd, jeden Abend eine andere traditionelle Küche, eine andere Lebensgeschichte. Der Zauber sprach sich so weit herum, dass Netflix daraus einen Spielfilm machte: „Nonna's", mit Vince Vaughn und Susan Sarandon. Nobody cooks like a grandma. Der Satz gilt offenbar in jeder Sprache.
Von Recklinghausen um die Welt: Oma Annemarie erobert TikTok
Doch der eigentliche Motor des Trends steckt im Handy. Als Vanessa aus Recklinghausen ihre fast 80-jährige Oma Annemarie beim Krustenbraten filmte und dieser versehentlich zurück ins Fett platschte, ging das Video „völlig unerwartet" viral, Millionen Aufrufe. Plötzlich wollten alle wissen: Wie macht Oma eigentlich ihre Linsensuppe? Wie ihre Hühnersuppe? Heute schauen rund 600.000 Follower zu, wie die beiden Hausmannskost kochen, es gibt sogar ein eigenes Omas Kochbuch: „Einfach wie bei Oma".
Der Reiz liegt im Beiläufigen, im Echten. Und in den Kniffen, die in keinem Kochbuch stehen: In eine knusprige Panade gehören keine Eier. Rotkohl wird mit Traubensaft statt Wasser gekocht. Und damit die Suppe klar bleibt, kocht man die Nudeln lieber separat ab. Hanna Klimpe, Medienwissenschaftlerin an der HAW Hamburg, erklärt, warum solche Generationen-Duos so berühren: Sie wirken „besonders glaubwürdig", stillen eine „Sehnsucht nach familiärem Zusammenhalt". Man bekomme, sagt sie, „virtuell ein paar Großeltern dazu".
Und dann zockt Oma auch noch
Als sei das noch nicht genug, hat sich die Großmutter längst auch das Gaming erobert. Der YouTube-Kanal „Senioren Zocken" samt Ableger „Oma geht steil" bringt es auf über 770.000 Abonnenten. Hier sitzen Seniorinnen vor Fortnite und Rennsimulatoren und haben sichtlich Spaß. In Japan hält die 90-jährige Hamako Mori als „Gamer Grandma" gar einen Guinness-Weltrekord als älteste Gaming-YouTuberin. Die Botschaft dahinter ist größer als jedes Spiel. „Oma" ist längst kein Alter mehr. Es ist eine Haltung. Neugier, Wärme, ein bisschen Schalk.
Warum uns das alles so berührt
Vielleicht ist es genau das, was wir in dieser lauten, schnellen Zeit vermissen. Ein Tisch, an dem geteilt wird. Ein herzhaftes Gericht, das nicht optimiert, sondern einfach nur köstlich ist. Ein Mensch, der fragt, ob es noch einen Nachschlag sein darf. Omas Rezepte sind so beliebt, weil sie mehr auf den Tisch bringen als Essen: ein Stück Geborgenheit. Das Gefühl, erwartet zu werden. Genau dieses Wohlfühlessen, das Kindheitserinnerungen weckt.
Das Schöne daran? Man braucht kein Restaurant in Köln und keinen Mittagstisch in Hamburg, um es zurückzuholen. Die besten Klassiker aus Omas Küche gelingen in der eigenen Küche, oft mit den Zutaten, die schon bei Oma im Regal standen.
Die besten Klassiker aus Omas Küche zum Nachkochen
- Senfeier mit Kartoffeln: Eier in cremiger Senfsoße leben von einem guten, mittelscharfen Senf. Der Klassiker schlechthin, in Ost wie West.
- Königsberger Klopse: zart in Kapernsoße. Monika Schorr hat recht, die Soße ist das A und O.
- Rinderrouladen mit Rotkohl: mit Gurke, Senf und Speck gefüllt und geschmort, bis das saftige Fleisch von der Gabel fällt.
- Grünkohl mit Kassler: deftig, herzhaft, der Norden auf dem Teller. Wer es leichter mag, greift zu gefüllter Paprika oder einem vegetarischen Linseneintopf.
- Hühnerfrikassee und Hühnersuppe: Wohlfühlessen, das schon bei Erkältung geholfen hat.
Dazu die passenden Beilagen: knuspriger Kartoffelsalat, frischer Gurkensalat mit Dill, ein Löffel Sauerkraut- Und zum Nachtisch: gedeckter Apfelkuchen, Rhabarberkuchen, Quarkauflauf, Grießbrei oder Milchreis mit Zimt und Zucker.
Oma hatte eben doch immer recht. Guten Appetit, und lass es Dir schmecken, wie früher.